Klausentreiben in Sonthofen – Ein uralter Brauch voller Mystik und Tradition

Wenn Anfang Dezember die Dunkelheit über Sonthofen hereinbricht und aus der Ferne das dumpfe Läuten schwerer Kuhschellen zu hören ist, beginnt eines der eindrucksvollsten und traditionsreichsten Ereignisse im Allgäu: das Klausentreiben.

Jedes Jahr am 5. und 6. Dezember ziehen die sogenannten Rumpelklausen durch die Straßen der Alpenstadt und lassen einen jahrhundertealten Brauch lebendig werden.

Ein beeindruckendes Spektakel in der Adventszeit

Das Klausentreiben gehört zu den bekanntesten Winterbräuchen im Oberallgäu und zieht jedes Jahr zahlreiche Besucher nach Sonthofen. Sobald es dunkel wird, erscheinen die Klausen in kleinen Gruppen und ziehen mit lautem Glockengeläut durch die Straßen.

Ihr Erscheinungsbild ist ebenso faszinierend wie furchteinflößend: Dicke Fellgewänder, kunstvoll gestaltete Holzmasken, mächtige Geweihe und Hörner prägen das Bild. Um den Bauch tragen sie schwere Kuhschellen, deren lautes Läuten schon von weitem zu hören ist. In den Händen halten sie Ruten, mit denen sie spielerisch nach den Schaulustigen schlagen – ganz nach alter Tradition.

Für Besucher ist das Klausentreiben ein unvergessliches Erlebnis, das Gänsehaut und Faszination gleichermaßen hervorruft.

Ein Brauch mit über 2.000 Jahren Geschichte?

Über den Ursprung des Klausentreibens gibt es verschiedene Theorien. Eine der bekanntesten führt den Brauch auf die Kelten zurück und vermutet seine Entstehung vor mehr als 2.000 Jahren.

Damals orientierte sich das Leben am natürlichen Sonnenjahr. Rund um die Wintersonnenwende glaubten die Kelten, dass in dieser Zeit gezeugte Kinder oder Tiere besonders schwach und anfällig seien. Deshalb forderten die Druiden während dieser Tage sexuelle Enthaltsamkeit.

Um dieses Gebot anschaulich zu vermitteln, wurde ein symbolischer Umzug veranstaltet. Angeführt wurde dieser vom Druiden. Ihm folgte ein junges Ehepaar als Sinnbild für die Einhaltung des Verbotes. Dahinter lief ein wilder Klaus, der die Naturgewalten verkörperte und symbolisierte, dass Missachtung der göttlichen Ordnung Folgen haben könne. Den Abschluss bildete ein Bettler, der die Armut und Kinderlosigkeit der Betroffenen darstellte.

Ob diese Erklärung tatsächlich den Ursprung des Klausentreibens beschreibt, lässt sich heute nicht mehr eindeutig belegen. Sicher ist jedoch, dass der Brauch tief in der Geschichte des Alpenraums verwurzelt ist.

Vom heidnischen Brauch zum Nikolausbrauch

Im Laufe der Jahrhunderte veränderte sich das Klausentreiben mehrfach. Mit der Christianisierung wurde aus dem wilden Klaus nach und nach der Heilige Nikolaus, während viele ursprüngliche Elemente erhalten blieben.

Zeitweise wurde das Klausentreiben sogar verboten, da die Kirche die heidnischen Wurzeln des Brauchs ablehnte. Dennoch verschwand die Tradition nie vollständig und wurde von Generation zu Generation weitergegeben. Heute zählt das Klausentreiben zu den bedeutendsten kulturellen Bräuchen im Allgäu.

Handarbeit und Leidenschaft

Ein echter Klaus zu sein bedeutet weit mehr, als nur ein Fellgewand anzuziehen. Das sogenannte Klausen-Häs wird von jedem Träger nach traditionellen Vorgaben selbst gefertigt.

Die aufwendig gestalteten Masken, Felle und Kopfbedeckungen entstehen oft in monatelanger Handarbeit und sind echte Einzelstücke. Auch die schweren Kuhschellen gehören zur traditionellen Ausstattung und verleihen dem Klausentreiben seinen unverwechselbaren Klang.

Jedes Kostüm spiegelt die Persönlichkeit seines Trägers wider und ist Ausdruck großer handwerklicher Leidenschaft sowie tiefer Verbundenheit mit der regionalen Tradition.

Ein Erlebnis für Besucher

Das Klausentreiben in Sonthofen ist längst weit über die Grenzen des Allgäus hinaus bekannt. Jahr für Jahr reisen zahlreiche Gäste an, um das eindrucksvolle Spektakel hautnah mitzuerleben.

Wer die Klausen zum ersten Mal erlebt, sollte sich bewusst sein, dass die Figuren durchaus auf das Publikum zugehen und mit ihren Ruten spielerisch erschrecken oder leicht berühren können. Genau diese Mischung aus Respekt, Spannung und Faszination macht den besonderen Reiz des Brauchs aus.

Dabei steht nicht das Erschrecken im Vordergrund, sondern die Pflege eines jahrhundertealten Kulturguts, das fest zur Identität Sonthofens gehört.

Ein lebendiges Stück Allgäuer Kultur

Das Klausentreiben ist weit mehr als eine Veranstaltung in der Vorweihnachtszeit. Es verbindet Geschichte, Brauchtum und Gemeinschaft und zeigt eindrucksvoll, wie lebendig Traditionen im Allgäu bis heute geblieben sind.

Wer Sonthofen Anfang Dezember besucht, erlebt eine Atmosphäre, die ihresgleichen sucht: das dumpfe Läuten der Schellen, die geheimnisvollen Gestalten im Schein der Straßenlaternen und die besondere Stimmung einer Tradition, die seit Jahrhunderten Menschen begeistert.

Das Klausentreiben in Sonthofen ist ein einzigartiges Erlebnis und zählt zu den eindrucksvollsten Winterbräuchen im gesamten Alpenraum.

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